Netzneutralität, Bildungscloud, Uploadfilter – hängt das zusammen?

Ich habe ein paar mehr oder weniger gut sortierte Fragen und Gedankenspiele in Bezug auf Bildungscloud, Uploadfilter und Netzneutralität aufgeschrieben. Hinweise zur Klärung würden mich sehr freuen.

Wer sich ein wenig für Netzpolitik interessiert, wird in den letzten Monaten und insbesondere in den letzten Wochen kaum an zwei Themen vorbeigekommen sein: Netzneutralität und Uploadfilter. Und wer sich für den Einsatz digitaler Technologie im Bildungssystem interessiert, wird zumindest im Ansatz etwas von den Plänen und Versuchen einer Schulcloud, einer Bildungscloud oder auch einer nationalen Plattform für die Hochschullehre gehört haben.

Nun mag es an mir liegen, aber ich habe es bisher nicht mitbekommen, dass diese Themen in einer Diskussion mit diesem Fokus verknüpft worden wären. Dies mag seine Ursache darin haben, dass Bildungspolitik im Wahlkampf zur Bundestagswahl praktisch keine Rolle gespielt hat und erst danach von allen an den diversen Sondierungsgesprächen und Koalitionsverhandlungen beteiligten Parteien als Themenfeld erkannt wurde. Es mag auch sein, dass die meisten lieber über die plumpen “Digital first, Bedenken second” Slogans diskutierten anstatt selbst Schwerpunkte in der Netzpolitik zu setzen.

Wie dem auch sei – mir stellen sich ein paar Fragen, vielleicht sollte ich aber erst den Versuch einer Begriffsklärung und der aktuellen Einordnung unternehmen. Hier bin ich um jeden klärenden Hinweis dankbar, merke aber auch direkt an, dass ich hier “auf Sicht fahre” und dass, wenn sich jemand wirklich mit diesen Themen befassen möchte, er oder sie doch besser selbst auf Quellensuche jenseits dieses Beitrags gehen möge um sich ein Bild zu machen. 

Netzneutralität

Netzneutralität beschreibt laut Wikipedia die “Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet und den diskriminierungsfreien Zugang bei der Nutzung von Datennetzen”. Im Lauf des letzten Jahres wurde Netzneutralität in deutschen Medien nach meiner Einschätzung meist im Kontext von Datenpaketen von Mobilfunkanbietern diskutiert, die bestimmte Streaming- oder Messaging-Dienste entweder pauschal im Paket berechnen oder gleich gratis anbieten (sog. Zero Rating). Telekom nennt das StreamOn, Vodafone bietet verschiedene Pässe an. Sehr verkürzt dargestellt gilt auf Ebene der EU der Grundsatz der Netzneutralität, jedoch mit der Einschränkung, dass Spezialdienste zulässig seien. Im derzeit zur Abstimmung vorliegenden Koalitionsvertrag gibt es laut Ingo Dachwitz von netzpolitk.org “zwar ein grundsätzliches Bekenntnis zu diesen Zielen, doch die aktuelle Debatte um jüngste Verletzungen der Netzneutralität durch Vodafone und die Telekom bleibt komplett außen vor”.

Uploadfilter

Uploadfilter sind im Kerngedanken und ein wenig verkürzt recht schnell zu verstehen. Nutzerin X möchte ein Bild auf einer Plattform hochladen, Facebook, Youtube, Twitter, etc.. Die Plattform untersucht dann das Bild auf mögliche Gefahren und Rechtsverletzungen (Darstellung von Kindesmissbrauch und Terrorismus werden in der Debatte leider immer wieder mit einfachen Urheberrechtsverletzungen und Hate Speech gleichgesetzt, das wird in der Folge 244 des Logbuch Netzpolitik deutlich gemacht). Wenn Facebook bei der Untersuchung feststellt, dass das Bild nicht mit den gesetzten Filtern konform ist, sperrt die Plattform den Upload. Auch dazu gibt’s eine sehr gute aktuelle Zusammenfassung bei netzpolitik.org. Dass ein Uploadfilter Kontext, besondere Bedingungen (Satire, Parodie) oder gar Nuancen des Urheberrechts, beispielsweise im Feld der Urheberrechtsschranken für Bildungsanbieter, berücksichtigen kann, bestreiten die meisten, die sich damit auskennen. Hier beispielsweise eine Podiumsdiskussion aus der Reihe “Monsters of Law” von Ende Januar für diejenigen, die sich tiefer in das Thema eingraben mögen. Der klaren Darstellung halber an dieser Stelle auch gleich der Hinweis, dass ich seit Anfang diesen Jahres bei Wikimedia angestellt bin und das Team hinter der Reihe “Monsters of Law” gleich zwei Türen von meinem Büro entfernt sitzt (wenn sie denn nicht gerade auf einem Podium diskutieren).

Bildungscloud

Es gibt Pläne für eine Schulcloud, es gibt ebenso Gespräche über eine Bildungscloud und es gibt Pläne oder zumindest erste Machbarkeitsstudien für eine “nationale Plattform für die Hochschullehre”. An dieser Stelle ist die Unterscheidung zunächst unwichtig. Wichtig ist: es dreht sich immer um eine Cloud-Lösung, die öffentlichen Bildungsträgern (Schulen und Hochschulen) Lehren und Lernen mit digitalen Mitteln ermöglichen soll. Am ehesten ist im Fall der Schulcloud spezifiziert, was denn überhaupt mit einer Cloud gemeint ist, was sie anbietet und wie sie das tut. Daher hier nur der Link dorthin. Es gibt einige Initiativen von kleineren Dienstleistern, die profilierteste ist aber wohl die des Hasso-Plattner-Instituts, gefördert vom BMBF. An dieser Stelle fehlt mir die Zeit, auf die vielschichtigen und aus meiner persönlichen Sicht durchaus berechtigten Debatten um Nachvollziehbarkeit und Transparenz dieses Projekts einzugehen. Für meine Frage ist das zunächst auch unwichtig, so weit ich das beurteilen kann.

Netzneutralität und Bildungscloud

Was wäre, wenn mich mein Mobilfunkanbieter bei der nächsten Vetragsverlängerung fragt, ob ich denn vielleicht pauschal für zusätzliche 5,- EUR / Monat Zugriff ohne Einschränkung auf folgende Portale bekäme: Udacity, Khan Academy, TED, LinkedIn Learning. Ich würde vermutlich kurz nachdenken und dann ablehnen. Was wäre, wenn die Liste der Portale auch so etwas wie eine Bildungscloud, eine Schulcloud oder eine nationale Plattform für die Hochschullehre beinhalten würde? Ich habe keine Kinder und würde vermutlich nach wie vor ablehnen. Eine Familie mit zwei Kindern im schulfähigen Alter würde vermutlich anders reagieren, und niemand könnte es ihr verübeln. Spannend daran ist auch nicht die Debatte um die Endnutzer, auf die aber immer wieder die Verantwortung geschoben wird sobald die Regulierung versagt. Spannend daran ist eher die Angebotsseite. Denn die Argumente, die im Kontext Netzneutralität und Unterhaltungsindustrie oder Startups angebracht werden, lassen sich leicht auf Bildung übertragen. Mit einem solchen Angebot würde das digitale Angebot von Bildung via Mobilfunk de facto auf einige wenige Bildungsanbieter beschränkt. Sie müssten groß genug sein um einen Vertrag mit den großen Mobilfunkanbietern schließen zu können, sie müssten dafür auch genug Inhalte und Nutzer mitbringen. Sie müssten die Kapazität mitbringen, überhaupt solche Verhandlungen aufzunehmen. Sie müssten vermutlich bestimmte vertragliche Einschränkungen hinsichtlich ihres Angebots in Kauf nehmen (wollen). Vielleicht müssten Sie sogar genauer überlegen, ob sie den (leider nur für diese Frage erdachten) offenen Online-Kurs mit dem reißerischen Titel “Digitales Entwicklungsland Deutschland – warum wir immer noch auf vernünftige Bandbreite warten” noch vor dem Ende der Verhandlungen mit dem Telekommunikationsdienstleister online stellen oder dies erst danach tun sollten (oder überhaupt). Kleinere Bildungs-Anbieter hätten es schwerer zu ihren Nutzern vorzudringen. In sie zu investieren wäre noch unattraktiver als zuvor schon. Uniformität von Inhalten und Lehrkonzepten wäre zu erwarten, nachdem sie durch die Einführung der Bildungscloud ohnehin schon auf ein Mindestmaß reduziert worden sein wird.

Wenn die Darstellung dieses Szenarios hier auch ein wenig überspitzt sein mag (das glaube ich ehrlich gesagt gar nicht), so scheint mir doch die Frage, ob es so kommen könnte, berechtigt. Ich stelle die Frage auch nicht weil ich den Projektbeteiligten unterstellen möchte, sie würden sich für ein derartiges Szenario einsetzen. Um das beurteilen zu können, kenne ich die meisten einfach nicht gut genug. Mir geht es um nicht intendierte Konsequenzen, die – nach allem was wir in den letzten Jahren im Spannungsfeld Plattformen, Kapitalismus, Grenzen nationaler Gerichtsbarkeit, “the winner takes it all”, Bildung und Digitalisierung passiert ist – oft schwerwiegender einzuschätzen sind als die intendierten Konsequenzen. Meine Fragen sind also: ist das oben beschriebene Szenario ausgeschlossen? Ist es wahrscheinlich oder unwahrscheinlich? Habe ich etwas übersehen, das es verhindern könnte? Und wollen wir das überhaupt verhindern?

Bildungscloud und Uploadfilter

Zunächst: ich habe einen gewissen Bias. Bei Fragen nach einer Bildungscloud verstehe ich durchaus, wie das Bedürfnis nach ihr abgeleitet werden kann (insbesondere weil ich mich lange genug mit der maroden oder nicht verhandenen Infrastruktur einer öffentlichen Hochschule habe herumschlagen müssen). Beim Uploadfilter habe ich eine klarere Meinung: das ist Quatsch. Einen automatisierten Filter einzusetzen um Urheberrechtsmissbrauch zu unterbinden, ist der falsche Ansatz. Richtig scheint es mir das Urheberrecht so zu gestalten, dass es den Filter nicht braucht. Dass das nun aber bald geschieht, ist nicht anzunehmen. Also stellt sich die Frage nach Bildungscloud und Uploadfilter. Und damit auch danach, wer denn eigentlich die Inhalte für eine Bildungscloud produziert und wer sie einstellt. Es gibt nicht wenige (mich eingeschlossen), die befürchten, dass mit einer Bildungscloud einige wenige Anbieter ihre Inhalte distributieren können. Lieber wäre mir, wenn eine Bildungscloud hauptsächlich mit Open Educational Resources, also mit frei lizensierten Materialien, bestückt würde. In machen Fächern und Disziplinen mag das vielleicht bald so funktionieren, dass zumindest Grundlagen verfügbar wären. Wenn dann aber einzelne Nutzer, also Lehrerinnen und Lehrer, Hochschullehrende und Bibliothekare Inhalte einstellen – müssen diese Inhalte durch einen Uploadfilter? Wie sieht es mit Arbeiten und Einreichungen von Studienrende, von Schülerinnen und Schülern aus? Ist der Uploadfilter, wenn er denn kommt, auch relevant für die Schulcloud? Der Koalitionsvertrag spricht sich relativ klar gegen Upload-Filter aus, aber nur weil drei Parteien das Thema gemeinsam für die nächste Legislaturperiode ausschließen möchten, ist es ja nicht komplett vom Tisch. Es mag wie ein Detail fern in der Zukunft wirken, die Frage aber bereits jetzt mitzudenken kann aus meiner Sicht nicht schaden.

Warum diese Fragen wichtig sind

Als der Koalitionsvertrag vor ein paar Tagen vorgestellt wurde, haben viele derer, die sich mit Bildung und Digitalisierung beschäftigen, erfreut gezeigt. Gute Ergebnisse seien da erzielt worden, OER und Open Science wurden erwähnt, Mittel für Infrastruktur sollten freigemacht werden, Schulungsbedarf wurde erwähnt. Sehe ich auch so – gut, wenn diese Themen bearbeitet werden, wenn Mittel für Bildung verplant werden und endlich etwas passiert. Nur die vermeintliche Euphorie kann ich nicht teilen. Mit jeder Lösung schaffen wir neue Fragen und Probleme, das liegt gerade in diesem Themenfeld in der Natur der Sache. Mit jeder Entscheidung für eine Lösung entscheidet man sich vielleicht auch gegen eine andere Lösung, die damit in das virtuelle Prototypenmuseum der cleveren Lösungsansätze für Digitales und Bildung abkommandiert wird. So habe ich, zum Beispiel, bei den Rufen nach der Cloud nicht einmal die Erklärung gefunden, ob das nun komplementär zu den Bildungsservern auf Landesebene kommen soll, Hinweise würden mich sehr freuen. Mein Eindruck ist, dass es – nachdem über die letzten Jahre viel gefordert und geredet wurde – nun weitergeht und Lösungen, Prozesse und Produkte erarbeitet werden, die uns über die nächsten Jahre und Jahrzehnte verfolgen werden. Grund genug hinzuschauen und mal doofe, mal weniger doofe Fragen zu stellen und sich nicht von den Pressemitteilungen und Promotions-Videos gefangen nehmen zu lassen.

Hier vielleicht nur eine Randnotiz und eigentlich mindestens einen ganzen Beitrag Wert ist aus meiner Sicht auch eine weitere Frage: Gleicht eigentlich irgendwer die implementierten Lösungen mit den Empfehlungen und Forderungen der letzten Jahre ab? Glaubt zum Beispiel wirklich jemand, dass Digital Literacy, “Digitale Mündigkeit” oder auch Medien- und Informationskompetenz (je nachdem mit wem man spricht, ist damit mal das gleiche, mal eher unterschiedliches gemeint) unter Schülerinnen und Schülern oder auch unter Studierenden zunehmen werden wenn sie vielleicht bald öfter auf einer digitalen Plattform lernen?

Titelbild von Sharon McCutcheon via unsplash

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